Zurück zur Bar Auszüge aus dem Buch Alles ist Sinnlos
vonQicklink Ronald Bodenfeger
Zum Geleit
„Tun und Nicht-Tun sind ein- und dasselbe, in einer Zeit, in der die Jahre nur so dahingleiten," so lehrt uns Dr. Lehmann. Und in diesem Sinne bin ich beauftragt worden, der Leserin oder dem Leser dieses Werkes eine Warnung mit auf den Weg zu geben, sollte sie oder er sich auf den beschwerlichen Marsch durch die Zeilen begeben wollen: So wie es der Titel dieses Bandes schon andeutet, ist es vollkommen sinnlos, dieses Buch zu lesen. Es wird ihr Leben nicht verändern, es wird nicht ihr Selbstbewußtsein stärken und es ist auch nicht geeignet, Antwort auf brennende Fragen zu geben. Andere Bücher und andere Lehren mögen genau dieses für sich in Anspruch nehmen - aber genau an diesem Punkt beginnen die Lügen, aus denen die meisten Erklärungen gezimmert werden. Sollte Ronalds Buch jedoch ihr Leben dennoch verändern oder den Anschein erwecken, Fragen zu beantworten - so können sie davon ausgehen, daß auch er nicht vor Lügen zurückschreckt. Mein Lebensgefährte Dr. Stanislaus Lehmann hat sich hartnäckig geweigert, auch nur eine Zeile des vorliegenden Werkes zu lesen und auch ich kenne nur jene Teile, die Ronald mir vorgelesen hat, wenn wir gemeinsam - bei einer Tasse heißen Kaffees - in der Küche saßen. Um ehrlich zu sein: Ich habe längst wieder vergessen, was er da in seiner faden, monotonen Stimme rezitierte, und ich glaube nicht, daß er bereit ist, diese meine Zeilen als Vorwort abdrucken zu lassen. Wenn er es dennoch tut, so spricht es für seinen schlechten Geschmack, unter dem ich mehrere Wochen schwer gelitten habe.
Im Auftrag/ Elvira de Burgund.
P.S.: Entschuldigung, es war nicht so gemeint, Ronald!
Vorwort
Schon sehr früh gelangte mein Freund und Lehrer Stanislaus Lehmann zu der Einsicht, daß weder das gesprochene, noch das geschriebene Wort geeignet sind, den „Sinn der Dinge" einzufangen. Allein das Wort „Sinn" macht keinen Sinn, denn ein jeder mag seinen eigenen Sinn in das Wort „Sinn" hineindeuten, während ein kollektiver, allgemeingültiger Sinn gar nicht existieren kann. Insofern darf der Titel dieses Büchleins nicht mißverstanden werden: „Alles ist Sinn-los" bedeutet nicht die pessimistische Verneinung des Lebens; vielmehr wollte Dr. Lehmann mit diesem Satz ausdrücken, wie wenig Sinn es macht, den Dingen einen Sinn zu geben. Und er pflegte hinzuzusetzen „Alles ist Un-Sinn". Und wenn der Sinn, der einem Ding innewohnt der „Un-Sinn" ist, so hebt sich jeder Versuch einer Definition auf, und aus dieser Haltung erklärt sich der revolutionäre Ansatz der Pseudo-Philosophie, auf Erklärungen, Schlußfolgerungen und sinnvolle Deutungen weitgehend zu verzichten.
Ronald Bodenfeger Berlin, im Mai 1922
Zum Anfang
Es war ein Adventsabend des schicksalsschweren Jahres 1920, als mir mein Freund und Lehrer Dr. Lehmann eine wichtige Lektion erteilte, deren Sinn mir bis heute nicht vollständig offenbar geworden ist. Draußen wehte eine kühler Nordwind und trug die ersten mageren Schneeflocken über die Dächer der Stadt. Hildi Kerzenstich - seine damalige Freundin - hatte den ganzen Nachmittag unter des Doktors Anleitung Aeroplane aus Papier gefertigt, die sich beim Anbruch der Dunkelheit in einer Ecke des Studierzimmers stapelten. Es waren schnittige Pfeile, die aus den Bögen gefaltet waren, auf denen der Doktor jahrelang seine Notizen zu machen pflegte. Einige dieser Blätter hatte der Dr. Lehmann selbst zerschnitten und neu zusammengefügt, doch als ihm der Kleister ausgegangen war, hielt er diese Preparationen nicht mehr für notwendig. Ich war besorgt über das Schicksal all dieser Blätter, denn auf ihnen hatte mein Lehrer einige seiner wichtigsten Thesen entwickelt und festgehalten. Aber Dr. Lehmann ermahnte mich, zu schweigen. Es sei an der Zeit, sich von diesem - wie er es nannte - „musealen Ballast" zu trennen. Und als der letzte Bogen gefaltet war, begaben wir uns gemeinsam auf den kleinen Balkon, der hinunter - in die Leipziger Straße - blickte, auf der immer noch ein reges Leben herrschte. Eins nach dem anderen dieser Blätter ließen wir hinuntersegeln, und schon bald war ein Teil der Straße mit den Früchten unserer Arbeit bedeckt. Mit augenscheinlichem Wohlgefallen blickte Dr. Lehmann hinab, und rezitierte mit seinem gewaltigen Baß: „Du Papier, du Frucht meines Geistes, du Wort, das du durch die Lüfte segelst, wie eine Schneeflocke und zu Boden taumelst, die Schienen der Elektrischen bedeckest und mit einem leisen Knistern unter den Stiefeln der Stadt verenden wirst." Es war überaus beeindruckend, doch als die Hälfte der Papiere seinen Weg gegangen war, klingelte es: Es war Kurt Wollanke, unser Hausmeister, der mit der Polizei drohte, falls wir nicht - wie er es nannte - „den Unrat auf der Straße" beseitigen würden. Und so mußte ich mich denn an die Arbeit machen.
Zum Anfang
Es gab Momente, in denen es mir schwerfiel, meinen Freund und Meister Dr. Stanislaus Lehmann zu verstehen. Kurz nachdem wir uns kennengelernt hatten - im Frühjahr des Jahres 1907 - wurde er von heftigen Visionen heimgesucht. Mitunter tagelang pflegte er dann auf seinem Schreibtisch herumzusitzen, ins Leere zu blicken und war in dieser Zeit kaum fähig, seiner Arbeit als ordentlicher Professor an der Humboldt-Universität nachzugehen. Es war in diesen Tagen, als ich mich zum ersten male darum bemühen mußte, einen Kredit bei meiner Erbtante Adele zu erhalten, ansonsten wäre der Dr. Lehmann womöglich elendig des Hungers gestorben, denn er besaß (so glaubte ich zumindest damals) keinerlei Rücklagen. Es wollte mir - an diesen Tagen - auch nicht gelingen, ihn aus seiner Versenkung zu holen, und so begnügte ich mich damit, ihm den Haushalt zu führen, um in seiner Nähe zu sein, wann immer ihn eine neue Erleuchtung ereilt hatte. Das war meist der Fall, wenn in den Abendstunden seine Freundin Artemis Rockschoß uns besuchte - eine hochgewachsene, dunkelhaarige Frau, die in einer der modernen Schreibstuben der Stadt tätig war. Um dem Doktor - wie er es nannte - die „gerechte Inspiration" zu bringen, pflegte sie in ihren fliederblauen Unterröcken mit einer Melone auf dem Kopf und einer gefleckten Krawatte um dem Hals vor des Doktors Schreibtisch eine Polka zu tanzen. Dann klärte sich sein Blick normalerweise, und er war bereit, uns an seinen Visionen teilhaben zu lassen. Meist erzählte er uns dann von den Dingen der Zukunft - besonders gern von den Zirkeln, die sich gründen würden, um gegen die wachsende Langeweile zu kämpfen. „Maschinen werden uns die Arbeit nehmen!" pflegte er zu sagen. „Die Menschen werden nicht wissen, was sie mit ihrer Zeit tun sollen, und deshalb wird es diese Zirkel geben, die dem ziellosen Menschen die Wahrhaftigkeit verkaufen. Bald...," und Dr. Lehmann blickte zuerst Artemis Rockschoß und dann mich an, „bald werden wir unglaublich reich sein!"
Zum Anfang
Der Doktor war mürrisch und abweisend gewesen, in jenen Wochen, in denen er an seinem Buch arbeitete. Selbst meine Tanten hatten ihm in diesem Jahr kaum unter die Arme greifen können, und wir waren froh, gerade genug zu haben, um die Miete, die Kohlen und das Essen bezahlen zu können. Kurzum: Wir brauchten dringend Geld, und es war seine damalige Freundin Petronella Storchenberg gewesen, die Dr. Lehmann zu diesem Schritt überredet hatte. Sie war eine laute, anspruchsvolle Person, deren offenes Wesen bisweilen furchterregende Züge annehmen konnte. „Ich meine: Ernsthafte Gelehrte müssen einfach ein Buch geschrieben haben," so sagte sie eines kargen Abends, als wir unsere letzte Flasche Weinbrand dem Hausmeister Kurt Wollanke vermacht hatten, um ihn davon abzuhalten, erneut die Miete einzutreiben. Und als sich mein Freund und Meister wand und drehte, hatte Petronella Storchenberg hinzugefügt: „Ein Gelehrter, der kein Buch schreiben kann, ist eben nur ein Pi-Pa-Po-Gelehrter!" Und dazu hatte sie eine entschlossene Miene aufgesetzt, der man unschwer ihre Drohung entnehmen konnte: Wenn Doktor Lehmann dieses Buch nicht schreiben würde, so würde sie ihm die Freundschaft aufkündigen. Schon am nächsten Tag hieß mich der Doktor einen Karton Papier organisieren, und dann machte er sich an die Arbeit: „Das Buch der Lügen" sollte sein Werk heißen, und darin sollten alle Antworten auf die großen Fragen gegeben werden, mit denen sich die Dichter und Denker seit Anbeginn der Menschheit beschäftigt haben. Der Doktor hielt alles, was man in dieser Hinsicht schreiben konnte - wie er es ausdrückte - „für großen Humbug!" Aber er war fest davon überzeugt, daß man damit viel Geld verdienen konnte, denn das Publikum wäre bereit, auch ein „Buch der Lügen" zu kaufen, wenn darin nur genügend Humbug enthalten wäre. Aber schon bald ließ des Doktors Arbeitseifer nach. Und er endete an einem Sonntag-Nachmittag auf der Galopprennbahn von Hoppegarten: Mit seiner glücklichen Hand hatte Dr. Lehmann mehrere hundert Mark gewonnen, und er verkündete, nie wieder an einem Buch zu arbeiten.
Zum Anfang
Es sei „Ein Wetterchen zum Eierlegen!", so hatte der Doktor an jenem Mai-Morgen gesagt, und dennoch blieb mein Freund und Lehrer an diesem Tage merkwürdig still und nachdenklich. Er müsse „über das Wesen der Dinge" nachdenken, so hatte er erklärt und sich - zusammen mit seiner damaligen Freundin Korinthia Kornblum - in sein Studierzimmer zurückgezogen. Während ich auf sein Geheiß die Wohnung in Ordnung brachte und einige Sprungfedern in des Doktors Bett reparierte, hatte der Doktor offenbar eine seiner Erleuchtungen, die ihn zu einer so bewundernswerten Person machten. Freudestrahlend bat er mich am Nachmittag in seine Stube und fragte, was ich wohl sehen würde. Das Szenario war jedoch kaum in einfache Worte zu fassen: Korinthia thronte auf des Doktors Schreibtisch, ihr Körper zur Gänze in Zeitungspapier gewickelt und in den Händen, hocherhoben, den Globus, den ich Dr. Lehmann zum letzten Weihnachtsfest vermacht hatte. So sehr ich mich mühte, die seltsame Szene zu beschreiben, so hartnäckig blieb des Doktors Kopfschütteln. „Nein!" so sagte er schließlich: „Was du siehst, mein lieber Ronald ist ein Metapher." Und er fuhr fort: „Die Frau - das ewig Weibliche - ist in der Zeitung, und die Zeitung hält die Welt." Ich mußte um eine Erklärung bitten, denn noch blieb mir der Sinn dieses Bildes verborgen. Dabei war es so einfach. „Die Zeitung kann heute jedermann kaufen," erklärte Dr. Lehmann. „Sie sagt uns, was in der Welt passiert. Wir glauben ihr, selbst wenn es oft genug passiert, daß es keinen Weg gibt, zu überprüfen, ob das, was in der Zeitung steht, auch tatsächlich wahr ist. Wir sehen das Papier, wir sehen die Frau, und wir sehen die Welt - und alles ist rätselhaft. Alles ist weiblich. In dem Moment, wo wir aufhören, daran zu glauben..." und ohne den Satz zu vollenden, rüttelte mein Lehrer an Korinthias Beinen, die sofort ihre Balance verlor und vom Schreibtisch fiel, den Globus verlor und die Zeitung zerriß. Ich begann allmählich zu verstehen.
Zum Anfang
Einen weiteren Beweis für seine Weitsicht lieferte Dr. Lehmann, als der Morgen der Abreise gekommen war. Ich hatte meiner Tante Adele einen nicht unbeträchtlichen Betrag für unsere geplante Studienreise nach Frankreich entlocken können und hatte selbst - auf des Doktors Anweisung hin - drei Monate lang Französisch gelernt, was mir erhebliche Probleme bereitet hatte. Doch Dr. Lehmann konnte mir sehr zu meiner Erleichterung an diesem Morgen auf die Schulter klopfen, als er unsere Bahnfahrkarten präsentierte. Zu meiner Überraschung stand dort nicht etwa „Marseille", so wie wir es ursprünglich geplant hatten, sondern „Seebad Heringsdorf", eine Sommerfrische an der Ostsee, die ich schon als Kind besucht hatte. „Mit dem Geld, was wir haben," so erklärte der Doktor in seiner geduldigen Art, „könnten wir zwei Wochen lang an Frankreichs Südküste auskommen, wenn wir sparsam damit umgingen." In Heringsdorf jedoch könnten wir - mit der gleichen Summe - drei Wochen lang in Saus und Braus leben, und obendrein noch des Doktors neue Freundin Lulu Kowalski mit auf die Reise nehmen. Das leuchtete mir natürlich ein, und doch mußte ich einen kleinlichen Einwand vorbringen: Unsere Pläne hatten es vorgesehen, das Leben und Gebaren der Franzosen zu studieren, die womöglich mit ihren Bräuchen und Sitten viele der Theorien von Dr. Lehmann untermauern konnten. Doch auch in dieser Hinsicht konnte mich mein Lehrer beruhigen: Es sei nicht auszuschließen, daß wir auch in Heringsdorf den einen oder anderen Franzosen treffen würden. Und wie es Dr. Lehmann prophezeit hatte, so stießen wir dort tatsächlich auf zwei, die zudem ein passables Deutsch sprachen.
Zum Anfang
Der Krieg war zu Ende, und wieder einmal spazierten Dr. Lehmann, seine Freundin Lola Hummelflug, sein Pudel Treumund und ich durch den herbstlichen Park von Sanssouci vor den Toren von Potsdam. Dr. Lehmann war ungewöhnlich schweigsam an diesem nachmittag, und ich konnte seiner Laune genau entnehmen, daß er an einer neuen Erkenntnis über das Leben, die Zukunft und die Illusion unseres Daseins brütete. Während er das muntere Spiel seines Hundes mit einem wohlwollenden Lächeln begleitete, verhielt er sich Lola gegenüber barsch und abweisend. Sie hatte ihn in der vergangenen Nacht im Schlaf aus dem gemeinsamen Bett gedrängelt, und Lehmann war auf den darunter schlafenden Pudel gefallen, wie er mir freimütig anvertraut hatte. Und so rächte sich der Doktor, indem er seine Freundin mehrmals rügte, sie würde allzu achtlos durch das Laub am Boden latschen. Allmählich - als wir den chinesischen Pavillon erreicht hatten - schien er Gefallen an dem Wort „latschen" zu finden - er bezeichnete herbstlich-bunte Eichen als „Latschenkiefern" und machte sich einen Spaß daraus, seinen Hund „Latsch" zu nennen. Schließlich zog sich der Doktor einen Schuh vom Fuß und warf ihn in hohem Bogen durch den Park. „Fang den Latschen!" rief er Treumund zu. Doch wie immer in einem derartigen Fall stob der Pudel in eine vollkommen andere Richtung davon. Und Dr. Lehmann mußte selbst durch den Park humpeln, um seinen Schuh unter den Wurzeln eines gewaltigen Rhododendrons zu suchen. Als er ihn schließlich gefunden hatte, hielt er sinnierend inne und richtete seinen Schuh nachdenklich in das milde Licht der Herbstsonne. Es war ein gewöhnlicher, hellbrauner Straßenschuh. Und schließlich richtete er seine Worte an mich, seinen Schüler: „Mein lieber Ronald," sprach er. „Dieser Schuh ist wie das Leben. Man schlüpft hinein und sollte ihn am Fuß behalten!"
Zum Anfang
Eines verschneiten Wintertages hatte Dr. Lehmann angeordnet, daß wir es uns gemütlich machen wollten. Bereits in den Tagen zuvor hatte ich, auf seine Anordnung hin, den großen Kachelofen abgetragen und durch einen offenen Kamin im englischen Stile ersetzt. Dr. Lehmann hatte mich für diese Mühe sehr gelobt, und ich konnte mich glücklich schätzen, daß meine Erbtante Adele mir das Geld für die nötigen Materialien geliehen hatte. Lehmann versprach Adele demnächst einen ausführlichen Dankesbrief zu schreiben. Bevor unser gemütlicher Abend Gestalt annahm, hatte Dr. Lehmann mir und seiner damaligen Freundin Magdalene Wittebold handschriftliche Anweisungen gegeben, von denen - wie es hieß - das Gelingen dieses Versuchs eindeutig abhing. Magdalene mußte sich dazu in einem wilhelminischen Reifrock kleiden und sich auf ein Bärenfell vor dem Ofen legen. In meinen Augen wirkte dieser Anblick leicht befremdlich, weil sich der Rock in dieser Position zu den Füßen hin weit öffnete, wodurch Magdalene mich leise an die Tüten erinnerte, in denen unser Krämer Dr. Lehmann seine heißgeliebten Mokka-Drops zu verkaufen pflegt. Ich erzählte dem Doktor von diesem Vergleich, und er lobte mich daraufhin ob meiner scharfen Beobachtungsgabe. „In der Tat!" so sagte er. „Das ist ein durchaus freundlicher Nebeneffekt dieses Arrangements. Und eben so fügt sich eins zum anderen und ergibt einen Sinn!" Wie vereinbart hatte ich des Doktors schweren Ohrensessel vor den Kamin gerückt und seine Tageszeitung bereitgelegt. Zu meinen eigenen Ideen bei diesem Arrangement gehörte eine Fußbank, die ich aus einigen verbliebenen Holzscheiten gezimmert hatte, die nicht mehr in den Kamin passen wollten. Nachdem der Doktor anerkennend seinen Blick durch den Raum hatte schweifen lassen, nahm er Platz, ließ sich von mir einen trockenen Sherry servieren und begann die Zeitung zu lesen. Es war ein überaus aufregendes Experiment. Das Feuer prasselte; die Schneeflocken sammelten sich - wie vorgesehen - auf der Fensterbank, und mein Freund und Lehrer Doktor Stanislaus Lehmann las in seiner Zeitung. Erst nach zwei Stunden erkannte er, welch strategischen Fehler wir in der Vorbereitung der Gemütlichkeit gemacht hatten. „Musik!" sagte der Doktor. „Es fehlt Musik!" Und er wies mich an, in den nächsten Tagen eines der modernen Grammophone zu kaufen, die die Klänge von Orchestern und Tanzkapellen zu reproduzieren vermögen. Ich würde dazu ein weiteres mal meine Tante Adele um einen Kredit bitten müssen, aber - so versicherte er mir - das Geld sei gut angelegt, ging es doch um empirische Forschung, die meine Tante durch ihre noble Spende unterstützen könnte. Und obendrein - so sagte er - würde ich den ganzen Klumpatsch sowieso eines Tages erben. Einen weiteren Fehler - so räumte der Doktor - später selbstkritisch ein, hatte er in der Plazierung seiner Freundin Magdalene Wittebold gemacht. Kurz bevor unser gemütlicher Abend zu Ende ging, hatte ihr Kleid Feuer gefangen. Offensichtlich hatte sie zu nah am Kamin gelegen. Durch die weite Konstruktion ihres Reifrockes und einen vorsorglich bereitgestellten Eimer mit Sand, blieb sie jedoch glücklicherweise unverletzt. Und ein weiteres mal konnte Dr. Lehmann konstatieren, daß retrospektiv gesehen alles einen trefflichen Sinn ergab. Ich nickte begeistert.
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Zusammen mit seiner damaligen Freundin Mathilde Mukulala mußte ich in einer heruntergekommenen Bierbar am Anhalter Bahnhof mehrere Stunden auf Dr. Lehmann warten. Und besonders Mathilde - ein gutmütiges, sensibles Wesen aus Togo - litt deutlich unter dem Publikum, das uns immer wieder mit despektierlichen Blicken musterte. Wie sich herausstellte hatte Lehmann unsere Verabredung vorübergehend vergessen, und nur ein Zettel den ich in seinem Studierzimmer hinterlegt hatte, erinnerte ihn schließlich daran, daß wir im 'Blauen Affen' seiner harrten. Der Doktor war reichlich übellaunig an diesem Nachmittag, hatte ihm doch kurz vorher die ehrwürdige Humboldt-Bibliothek mitgeteilt, daß seine Vorlesungsreihe für das nächste Semester nicht mehr erwünscht war. Er kommentierte diese Entscheidung bei seiner Ankunft mit dem bemerkenswerten Satz „Der Dolch im Gewande bohrt sich auch in die eigene Brust, wenn man ausrutscht!", um sich dann - wie gewohnt - von mir zwei Mark zu leihen, mit denen er uns zu einer Runde Bier einlud. „Großzügigkeit," so sagte Dr. Lehmann mir immer wider, „darf vor geborgtem Geld nicht Halt machen!" Dann vertiefte er sich vorübergehend in der Bilderrätsel-Seite einer herumliegenden Tageszeitung und teilte mir schließlich mit, daß „Bilderrätsel als solche" eine ganz hervorragende Pseudo-Philosophische Übung wären. „Nimm das 'bl' aus 'Blattlaus', das 'in' aus dem 'Sinn' und das 'des' aus 'Despot' und du hast ein 'Blindes' Huhn, das am Ende dieses Rätsels sein Korn finden wird." Und mit diesen Worten stürzte Dr. Lehmann den Rest seine Bieres hinunter und blickte mich mit großen, fragenden Augen an. Erst am Abend, als ich ruhelos in meinem Bett lag, verstand ich was mein Freund und Lehrer mir damit sagen wollte.
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Es war Sommer, und durch die Höfe gellten die Schreie spielender Kinder und der Lärm der modernen Benzinkutschen. Dr. Lehmann hatte seinen Gehrock angezogen und dem Pudel Treumund das türkisfarbene Halsband angelegt, das ich in einem Trödelladen erstanden hatte. Scheinbar ohne Ziel führte mich mein Freund und Lehrer durch die tristen Straßen der Arbeiterquartiere und mühte sich, mir seine Gedanken über seine Freunde und Kollegen an der Humboldt-Universität verständlich zu machen. „Die großen Feinde des Menschen," so sagte er, „sind Prediger, Psychologen, Philosophen und Politiker. Alle, die uns sagen wollen, wie die Dinge sind. Allesamt sind sie die Gefangenen ihrer Rechenkünste: Stellen wir uns vor, daß am Ende ihrer Gleichungen und Lehren die Zahl 27 herauskommt. Die Prediger werden sagen: '3x9 ist die wahre Lehre'; die Psychologen behaupten nur die Rechnung 2+25 könne zu diesem Ergebnis führen; Philosophen meinen, es müsse 3x7+1x6 sein; und die Politiker sehen die 27 prinzipiell als 9-2x4-1. Und jeder, der etwas anderes behauptet, wird giftig angefeindet." Nach dieser Ausführung hüllte sich der Doktor in ein längeres Schweigen, während wir langsam an den modernen und dennoch abstoßenden Mietskasernen vorbei flanierten. Schließlich rang ich mich zu der Frage durch, die mir auf den Lippen brannte: „Aber was ist die Wahrheit?" wollte ich wissen. Der Doktor stutzte, und auch sein Pudel Treumund blickte mich verständnislos an. Dann aber schlich sich ein breites Lächeln auf des Doktors Gesicht: „27" sagte er, und deutete auf die Hausnummer, die über dem Eingang prangte, vor dem wir gerade standen. „Hier wohnt sie!" sagte er, und er bat mich, Treumund zurück in seine Wohnung zu führen. Er selbst kehrte ein wenig angetrunken erst im Morgengrauen zurück, und ich verstand, was er mir hatte sagen wollen. Ihr Name war übrigens Agnes Radetzki.
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Zahlen sind eine Illusion, so meinte Dr. Stanislaus Lehmann, nachdem ich ihn daran erinnert hatte, daß wir nur 4,61 Mark besaßen und die Bestellung der vierten Falsche 'Roter Sauser' unser Budget bei weitem sprengen würde. Und er griff nach einem Bierfilz, auf den er eine große Fünf  zeichnete. Er zeigte sie mir und Irmtraud Hampel, die uns bei diesem Ausflug in den Waidmannsluster Sommergarten begleitet hatte. Er forderte uns auf, uns diese Zahl genau einzuprägen. Dann griff er nach einem weiteren Bierdeckel, beugte sich unter den Tisch und schrieb auch darauf eine Zahl, die er uns dann mit einem diabolischen Grinsen präsentierte. Es war wieder eine Fünf, und ich sagte, daß es die gleiche Zahl wäre. "Falsch!" schnappte mein Freund und Lehrer. Es sei eine andere Fünf. "Wo ist denn da der Unterschied?", so fragte Irmtraud Hampel, deren warmer Sopran ein wenig unter dem roten Sauser gelitten hatte. Triumphierend legte Dr. Lehmann die beiden Bierdeckel mit den beiden Fünfen nebeneinander auf den Tisch. Neben die eine Fünf fügte er flugs weitere Ziffern - und nun stand da "3425". Jetzt seien es verschiedene Zahlen geworden, so versuchte ich zu erklären; aber Dr. Lehmann schüttelte energisch sein weises Haupt. Es seien doch schließlich immer noch die gleichen Fünfen, und ich sah ihm an, wie er sich konzentrierte, um uns eine Erklärung dieser faszinierenden Demonstration zu formulieren. Einige Minuten vergingen. Und Irmtraud Hampel sagte schließlich "Das ist mir alles völlig egal!" Und bei diesen Worten schnippte mein Freund und Lehrer mit den Fingern. "Genau das ist es!" rief er aus. "Es ist völlig egal. Zahlen sind Schall und Rauch!" Um ehrlich zu sein: Ich brauchte eine gewisse Zeit, um diese Lektion meines genialen Mentors zu begreifen. Im übrigen zahlte Irmtraud Hampel schließlich unsere Zeche.

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Zur Finanzierung dringender Forschungsprojekte hatte uns meine Erbtante Adele ein stattliches Sümmchen überlassen. Im Gegenzug hatten sich Dr. Lehmann und ich verpflichtet, den Umzug in ihre neue Zehlendorfer Wohnung zu organisieren. Bedauerlicherweise lag mein Freund und Lehrer an den Tagen des Umzugs mit einem schweren Katarrh danieder, so daß ich ein gutes Stück Arbeit allein zu bewältigen hatte. Doch ich wusste ja, daß dies nur ein kleines Opfer für die bahnbrechenden Studien eines wahrhaft großen Gelehrten war.
Um so mehr verwunderte es mich, daß jenes Geld schon wenige Tage nach seiner Übergabe aufgebraucht war. Mit unschuldiger Miene erklärte mir des Doktors Freundin Gretlinde Spitzbauch, daß dieser Fundus bei einer sonntäglichen Exkursion auf der Trabrennbahn Hoppegarten auf der Strecke geblieben sei. Doch fast augenblicklich wurde sie von der sonoren Stimme meines Freundes und Lehrers korrigiert: Das Geld sei nicht "auf der Strecke geblieben", so erklärte er, sondern in einen einzigartigen Feldversuch zur Erforschung von Zufällen und Wahrscheinlichkeiten eingeflossen. Der Zufall sei schließlich der wichtigste Faktor in der menschlichen Geschichte: Ein Sandkorn kann eine Lawine auslösen und ein winziger Bazillus könne den Ausgangs eines spektakulären Pferderennens bestimmen.
Aus dieser Erkenntnis hatte mein Freund und Lehrer etwas entwickelt, daß dereinst als die "Lehmann'sche Lawinentheorie" in die Historie eingehen wird, doch dazu bedurfte es noch eines letzten Beweises. Und so gesehen handelte es sich bei der Wette auf der von Hoppegarten zwar um einen materiellen Verlust, doch der war zu verschmerzen angesichts des Gewinns für die Wissenschaft. Schon in wenigen Tagen - so sagte Dr. Stanislaus Lehmann - werde er seine These der interessierten Fachwelt vorstellen. Ich war beruhigt, denn der Gedanke, daß mein Freund und Lehrer Tante Adeles Geld verspielt hätte, wäre mir unerträglich gewesen.

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Es war einer jener Tage, an denen die Luft in der Innenstadt zum Schneiden dicht war. Selbst in unserer Dachgeschosswohnung an der Friedrichstraße stand die Luft wie ein Daunenkissen, doch es machte mir nichts aus, denn ich durfte schließlich bei der Entwicklung des Möbels der Zukunft mitwirken. Inspiriert durch die ungewöhnliche Hitzewelle hatte Dr. Lehmann das Aero-Fluvium entwickelt. Es handelte sich dabei um einen großen, mit feinmaschigen Netz bespannten Rahmen, den ich von der Decke in des Doktors Studierzimmer abhängen durfte. Dank der genialen Konstruktion konnte man dieses Luft-Floß mittels verschiedener Rollen und Kurbeln durch den Raum gleiten lassen sowie auch Höhe und Winkel der schwebenden Plattform verändern. Und ich durfte zusehen, wie mein Freund und Lehrer sowie seine Freundin Anni Kowalewska als erste Menschen auf diesem ungewöhnlichen Möbelstück Platz nahmen.
Neben der einfachen Manövrierfähigkeit sorgte das Aero-Fluvium durch seine lichte Bespannung für eine maximale Luftumströmung seines Benutzers; gleichzeitig konnte Dr. Lehmann nun -praktisch vor dem Schreibtischschwebend - seine Arbeit fortsetzen. Die große Hitze hatte ihn daran gehindert, an seinem neuen Manuskript zu arbeiten. Er war gezwungen, seine Zeit tatenlos im Bett zu fristen, um jede zusätzliche Überhitzung seines Körpers zu verhindern. Die Erfindung des Aero-Fluviums hatte ihn nun jedoch zu weiteren Taten beflügelt. Allerdings durfte ich nicht an der weiteren Erprobung dieses bahnbrechenden Möbels teilhaben, denn der Doktor bestand - für weitere Forschungen - auf einer strengen Klausur, die er nur mit Fräulein Kowalewska teilen wollte. Er empfahl mir, im Schatten der Bäume des Tiergartens ein wenig Ruhe und Erholung zu suchen, was sicher eine gute Idee war.

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Der Herbst hatte die Blätter bunt gefärbt, und Fräulein Hildburga Schafsknecht, Dr. Lehmann, sein Dackel Treumund und ich schlenderten in der wärmenden Nachmittagssonne durch den Tiergarten. Welch eine seltsame Vergeudung diese Jahreszeit doch darstelle, sinnierte der Doktor, während er auf die gewaltigen Laubhaufen blickte, die sich rechts und links des Weges türmten. Und als Fräulein Schafsknecht einwandte, daß dies nun einmal der auf der Dinge wäre, bemerkte ich im Antlitz meines Freundes und Lehrers jenes seltsame Mienenspiel, das meist die Geburt einer epochalen Idee ankündigte. Die moderne Wissenschaft, so erklärte er dann, während wir gemessenen Schrittes auf ein Gartenlokal zustrebten, lehre uns, daß die Natur sich im Laufe von abermillionen Jahren zu einer immer perfekteren Form entwickelt habe. Nur die stärksten, klügsten und anpassungsfähigsten Arten konnten sich durchsetzen. Und doch - so erläuterte er und zeigte dabei auf die uns umgebenden Bäume - hatten diese lächerlichen, verschwenderische Laubbäume überlebt, die alljährlich all ihr Laub achtlos zu Boden werfen, um es dann - im nächsten Frühjahr - neu zu entwickeln. Scheinbar sinnlos erscheine dieser Vorgang.
Wenn wir davon ausgingen, daß der Baum sozusagen die Krönung der Pflanzenwelt sei - größer, komplexer und weiter entwickelt, als ein Grashalm oder eine Kletterrose, dann müßten wir uns doch fragen, was der Mensch - als Krönung des Tierreiches - von einem Baum lernen könnte. Hildburga Schafsknecht lachte amüsiert und fragte, ob es denn sinnvoll wäre, wenn wir im Herbst all unsere Kleidungsstücke abwerfen würden. "Sinnvoll vielleicht nicht," antwortete mein Freund und Lehrer, "aber durchaus recht unterhaltsam." Ich wußte nicht recht, was er damit gemeint haben konnte, aber seine Argumentation war - wie immer makellos - und ich beschloß, ihn demnächst noch einmal auf diese faszinierende Baumfrage anzusprechen.

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