Zurück zur Bar Pop, Paul E.
(bgrl.: Paul Eduard Poplinski), *Berlin 15.Apr. 195?, rätselhafter (?) Globetrotter und (satir.) Chronist, dessen abenteuerl. Berichte seit 1987 von seinem Freund Mehr über Joachim DeickeJoachim Deicke bei Radio Bremen, von 1991 bis 1999 auch bei mdr-sputnik, seit 1995 bei sfb/multikulti und 1999/2000 auch bei funkhaus europa verbreitet wurden. Gilt als wichtiger Vertreter der Pseudo-Philosophie und lieferte die ersten authentischen Beschreibungen der Globalen Rutschbahn, die 2004 das Automobil als Fortbewegungsmittel weitgehend ablöste und erste Raum-Zeit-Reisen ermöglichte.
Alle Paul-E.-Pop Radioabenteuer Werke u.a.: "Stille Tage auf Cayo Coco" [1988], "Die Steine des Hunahpu" [1991], "Der Turm am Ende der Welt" [1993], "Die Spur des Albatros" [1994], "Schnarchnase und Gernegroß" [1996], "Die Schneeschuhe des Rimskij-Korsakow" [1999] und die Quintologie "Die Damenmode des 20.Jahrhunderts" [2006]. P.s Frühwerke als Kolumnist der Berliner Stadtzeitung zitty [1982-85], sowie Briefe und diverse wissenschaftl. und pseudo-philosoph. Abhandlungen wurden 2009 von Deicke wiederveröffentlicht. Darüber hinaus versch. Verfilmungen, Theaterstücke, Computer- und Holo-Programme sowie vorübergehend eine Seite im Internet. 
Fischers Großes Lexikon, 2011 (Quelle zweifelhaft!) 
Paul E. Pop im Fernsehen
        Eine einmalige Aufnahme zeigt Paul E. Pop bei einem Fernsehinterview der TTBC (Trinidad & Tobago Broadcasting Corportaion) vom 21.9.1999

Persönliche Erinnerungsstücke
von Joachim Deicke

Wie Paul aus Berlin verschwand - Die letzte Kolumne - Das Drehbuch - Gedichte - Paul E.Pop und die Kultur - Die Studienzeit - Paul E. Pop & die Frauen - Paul E. Pop und die Fotos - Was trägt der Punk im Sommer? - Paul E. Pop und die Heimat - Paul E. Pop und die Musik - Paul E. Pop und das Radio










Wie Paul aus Berlin verschwand
Ich muß zugeben, daß es viele Lücken gibt - in meinem Wissen über Paul E. Pops Leben. Da war zum Beispiel die Sache mit Nordafrika - das muß so 1985 gewesen sein: Er war eigentlich ganz gut im Geschäft - hatte seine regelmäßige Zeitungskolumne und schrieb sogar allerlei seriöse Texte für einen Berlin-Reiseführer, für Ausstellungsheftchen und sogar für die Landesanstalt für politische Bildung. Und irgendwann - nach einem besonders schäbigen Winter hat ja jeder Zweite den vagen Plan, in irgendein wirklich sonniges Land auszuwandern.

Aber Paul war derjenige, der das auch wirklich machte. Es war irgendwann im März - als das Wetter immer noch aus Kälte, Graupel und Regen bestand. Der allerletzte Redaktionsschluß war am Donnerstag - und Paul fand, daß auch 22 Uhr zum Donnerstag gehörte. Für mich war das immer der Tag, an dem ich abends in den leeren Büroräumen auf Paul wartete. Und dann kreuzte er auch auf - in irgendso einem völlig abgewetzten, langen Kaninchenfellmantel, den er auf einem Trödelmarkt gekauft hatte.

"Letzte Kolumne" sagte er völlig ernsthaft und schob mir das Manuskript rüber. Ich muß ihn ziemlich entgeistert angeguckt haben, umso mehr, als er mir erzählte, was er vorhatte. O.k. - er war zu dieser Zeit sowieso in ziemlich okkulte Sachen verstrickt, aber sein Plan klang völlig bescheuert.

Er wollte nämlich den "letzten großen Klang" suchen - irgendso ein Geräusch, das der Wind in irgendwelchen Felsenhöhlen in Nordafrika erzeugte; er hatte davon in einem ziemlich dubiosen Buch gelesen. Ich war ziemlich sauer, weil seine Kolumne bei den Lesern gut ankam - und weil das jetzt von einem aufs andere Heft sterben sollte. Jedenfalls war "Spinner!" noch das Harmloseste, womit ich ihn beschimpft habe.

Er nahm das aber alles sehr gelassen - wollte dann aber auch nichts mehr über seinen Plan erzählen. "Der letzte große Klang" - ich weiß bis heute nicht, was das ist. Jedenfalls habe ich ihn nach diesem Abend in der stillen Redaktion drei Jahre nicht mehr gesehen. Wir trafen uns dann erst wieder irgendwann zufällig auf dem Athener Flughafen - er war völlig verändert. Was es mit diesem Klang auf sich hat, weiß ich bis heute nicht.

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Die letzte Kolumne
Eine Abschiedsrede? Mit mir nicht! Statt sattsam zu salbadern, werde ich freiwillig in die Wüste gehen, um dort auf bessere Zeiten zu warten und mich in der Kunst der Prophezeiung zu üben. Die besten Weissager absolvierten schließlich ihren Canossagang dort, wo andere die Herkunft allen Sandes im Getriebe vermute. Und nun, wo selbst die Subitos, jene letzte Hoffnung der Rockszene, ihre endgültig-vorläufige Trennung annoncierten, hält mich nichts mehr in dieser Stadt, deren Schwebeteilchen bei Smog ohnehin verstopfender sind, als das, was der Südwind aus der Sahara bringt. Kurzum: Die Suche nach der großen Frage, deren Antwort alle Eingeweihten kennen, wird mich nach Marokko leiten, wo der große Neil derzeit eine Forschungsgruppe auf die Spuren des letzten, großen Klanges führt. Die Rohrpfeifen der dortigen Nomaden mögen dort unseren Geist erhellen - oder auch nicht. Sehr organisch wird es in jedem Falle, wenn wir zusammen zum Klang von Gitarre, Maultrommel und Mundharmonika das Lied vom "Hurdy Gurdy Mushroom Man" anstimmen. Und wer weiß: Vielleicht kehre ich eines Tages zurück, als Fackelträger einer neuen Religion - und dann kann ich mir auch mal ein richtiges Auto leisten.

Schrieb Paul E. Pop Anfang 1985 in seinem letzten Manuskript und verschwand - zumindest vorübergehend - aus meinem Blickfeld. Zurückgekehrt ist er inzwischen - aber zum Glück nicht als Fackelträger einer neuen Religion.

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Das "Drehbuch"
Es gab einen Ort, an dem man Paul E. Pop an mindestens drei von fünf Abenden in der Woche treffen konnte - zumindest so über einen Zeitraum von einem knappen Jahr: "LP-Cafe" nannte sich eine Bar in der Innenstadt, die sich vor allem dadurch auszeichnete, daß sie morgens ab halb vier ein wunderbares Frühstück servierte. Und wenn er schon mal da war, dann blieb Paul auch bis zum Frühstück. In dieser Zeit ging es auch ernsthaft los mit den Pop-Sprüchen, mit den Aphorismen. Wenn er nicht gerade an diesem Bildschirmgerät stand und außerirdische Raumschiffe abschoß, und wenn er nicht gerade Donald  zujubelte, der auf der Videowand seinen Abenteuern nachging, dann kritzelte Paul E. Pop in seinem sogenannten "Drehbuch" - das Ding hieß so, weil er es wechselweise von vorne und von hinten vollschrieb. Und dazu mußte es immer wieder gedreht werden.

Es war nicht unbedingt so, daß nur Paul das Recht hatte, in diesem Buch Eintragungen vorzunehmen. Auch Freunde und Bekannte durften kurzfristige Geistesblitze festhalten - allerdings wurde man auf der ersten Seite gewarnt: "Wer in dieses Büchlein schreibt, der wird um Sauberkeit gebeten." In dieser Kladde fanden sich dann auch die dumpfen Vorläufer der Paul E.Pop-Briefe. Etwa folgende Geschichte: "Der warme Wind schwenkt auf Süd. Palmen bewegen sich seicht in der Brise und die Sonne blinzelt durch die Blätter. Vor mir der weiße, tropische Strand; Kokosnüsse liegen am Boden und das Meer schimmert azurblau im karibischen Nachmittag. Sonnengebräunte Mädchen tummeln sich unter den Bäumen. Meine Liege ist bequem, neben mir ein Glas kalter Cuba Libre. Ich greife neben mich - doch das ist Leere. In diesem Moment fällt es mir siedendheiß ein: Ich habe meine Freundin im Handgepäck gelassen!"

"Ich denke an dich!" schrieb da eine Freundin mit großen Herzen in Pops Drehbuch. Er kritzelte darunter: "Hör auf damit!" Und dem Datum nach kam er drei Tage später zu dem Schluß:"Liebe ist Hass - wie Fanta ist Cola. Montag ist März - kein Scherz. Ich denke auch an mich. Paul E. Pop, den 25.November!"

Damals - Anfang der Achtziger - als Paul E. Pop langsam aufhörte Musiker werden zu wollen, hatte er seine zynische Phase und seine Mit-Diskutierer waren ebenso zynisch. Alles wurde vernichtend in den Boden gelabert, durch den Kakao geschleift und mit Wortknüppeln in den Boden gerammt. So waren auch seine Plattenbesprechungen damals, als er sie für eine Zeitung schrieb - und sie kamen ungeheuer gut an - wahrscheinlich weil sie so böse waren. Unter dem Titel "Idioten sterben nie aus!" liest man folgende Geschichte in Paul E. Pops "Drehbuch":"Zitronenfalter sind auch nicht mehr das, was sie mal waren," schoss es Ludwig durch den Kopf, als er sich setzte. "Sonntags habe ich manchmal das Gefühl, als ob ich einen Fernseher gegessen hätte. Ja wirklich: Einen Fernseher mit allen Programmen, Nachrichten und Quiz-Sendungen."

Gar keine Frage, daß dieses Bild von Ludwig den Nagel nicht auf den Kopf trifft, aber er hatte schon immer Schwierigkeiten, sich klar auszudrücken. "Das Eis im Tee ist geschmolzen, weil die Sonne der Liebe zu heiss brannte, " sagte er einmal über seine vorletzte Beziehung. Was für ein himmelschreiender Schwachsinn, wenn man bedenkt, das dieser Vergleich auf das Schlagen von Kindern gemünzt war. Was Ludwig fehlte, war Bildung. Wenn er am Sonntagabend in der Dorfschenke war, bekam man in einer aufgeregten Diskussion oft nicht mehr aus ihm heraus, als ein nörgelndes "leck mich!"

Dabei ist Ludwig bei weitem nicht dumm; er braucht nur ein gerüttelt Maß abendländischer Kultur, um sich bei Zeiten gepflegt und weltmännisch-gewandt artikulieren zu können. Aber wir müssen nun mal mit Realitäten wie Ludwig leben, müssen sie akzeptieren. Und wie schon eine alte fränkische Bauernweisheit sagt: "Du mußt nicht Shakespeare gelesen haben, um gut im Bett zu sein!"

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Paul E. Pop selbst dagegen war ein Mann von Kultur, jemand, der mehr als nur Bücher gelesen hat; vor allem Comics haben es ihm angetan - und möglicherweise hätte er sich auf diesem Sektor zu einem Experten entwickeln können. Er hätte aber ebensogut auch Dichter werden können, denn in seinem Nachlaß findet sich ein ganzes Bündel von Gedichten, die immerhin eines gemeinsam haben: sie reimen sich. In seinem berühmten Drehbuch etwa liest man: Und dazwischen liest man kurze Sprüche wie: "Alle Mann in die Boote! Wir schwimmen in Geld." Oder: "Du meine Güte! Unsere Katze kriegt Ohrringe - nein, ich meine: Drillinge!" Oder: "Was du nicht willst, das man dir tut - das finden andre manchmal gut!"

Daß ich dieses legendäre, kleine Drehbuch von ihm besitze - ist übrigens auch nur ein Zufall: Nachdem er sich auf- und davongemacht hatte, fand ich seine treue Umhängetasche unter meinem Schreibtisch in der Redaktion. Darin befanden sich ein abgekauter Bleistift, eine Frankfurter Rundschau, ein Donald-Duck-Sonderheft, ein Taschenrechner, mehrere Eukalyptus-Bonbons, Tabakkrümel, ein kaputtes Gitarrenkabel, eine Kassette und eben das Drehbuch.

Noch so eine Geschichte daraus - mit dem Titel Stars on 45: "Leise Musik rieselte herab, als sich beiden eng aneinandergeschmiegt über die Tanzfläche schoben. Da plötzlich zerriß ein Geräusch, das aus der Hölle zu kommen schien ihre Romanze. Der Discjockey lächelte verlegen. Er hatte seinen Bierhumpen auf den Plattenteller gestellt."

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Paul E.Pop und die Kultur

In seinem Drehbuch findet sich noch ein kleines, sehr erhellendes Dokument zum Thema "Kultur". Da heißt es:

"Susi, fünftes Semester hat jetzt 'nen Kneipenjob - Überlebensart; kann zwar keinen Beujolais von einem Pfälzer unterscheiden, aber was macht das schon? Die Kunden können's auch nicht. Pilsner im Altbierglas, Likör im Cognacschwenker, Kaffee im Fußbad - kalte Füße kriegt da keiner. Im Moment laufen ohnehin noch die Cocktails. Reine Phantasieprodukte, die Ananasscheibe mit den kleinen Fingern noch über dem Rand des schmierigen Glases plaziert.

Patsch - da fällt's schon wieder in die trübe, bunte, süße Brühe. Macht nix - sieht immer noch ganz gut aus. Hat der Margarita-Cocktail jetzt einen Salz- oder einen Zuckerrand? Egal - wer Cocktails trinkt, der achtet nur auf den Namen und nicht auf den Inhalt. Mir ist schon mal ein patziger Kellner entgegengetreten, der lautstark erklärte, daß er und niemand anders bestimmt, wie die Cocktailrezepte auszusehen hätten. Statt "Martini-Cocktail" - stilecht mit Olive und Gin -, gibt's dann was Buntes mit Wodka, in dem eine Kirsche kullert.

Kneipenkultur, Gegenkultur, Unkultur, Hydrokultur: mit Yuccapalme neben dem hinreißenden Wasserstandsanzeiger, der immer aussieht, als hätte sie ein Fieberthermometer im pflanzlichen "Untern" zu stecken. Yucca-Kultur der grünen Achtziger, die auch neben dem kiefrigen Billyregal der Siebziger noch tragbar ist.

Kultur- kleckert raus aus Videogruppen, Fernsehkanälen, Schallplatten, Vernissagen, Dichterlesungen. Konzept? Wir machen Avantgarde. Humor? Es soll doch keine billige Unterhaltung werden! Drehbuch? Wozu? Spontan soll es sein. Der neue x-beliebige Film, die Grazer Schule, die neue Weinerlichkeit, der Ernst des Lebens, postmodern. Da trifft dich die Kultur einfach überall. Und wenn du's nicht verstehst, dann hast du die "Message" nicht begriffen. Wenn du's nicht versteht's - na, das mußt du einfach verstehen! Das ist Kunst!"

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Die Studienzeit
Zu den Dingen, über die er später nicht gern geredet hat, gehört die Studienzeit von Paul E. Pop. Er war tatsächlich drei Jahre eingeschriebener Student, "mehr so, um eine Phase der Langeweile" zu überbrücken, hat er mir später erzählt. Ich habe auch nie herausgekriegt, welche Fächer er belegt hatte. Ich weiß nur, daß er eine Zeitlang sehr früh aufstand, seiner Mutter erzählte, er würde in die Uni fahren, um sich dann mit einer Freundin zum Sektfrühstück zu treffen und hinterher ein paar weitere Stunden auf ihrem Bett zu schlafen. Danach gab's noch einmal Sektfrühstück und abends fiel der Rest der Clique über die ansehnlichen Reste her. Anschließend lief Paul E. Pop herum und kassierte von jedem ein angemessenes Geld für Speisen und Getränke. Und dieses Geld wiederum war der Grundstock für sein nächstes Sektfrühstück - so daß er im Prinzip wochenlang in der immer gleichen Fete herumschwebte. Tatsächlich muß eines seiner Sekt- und Frühstücksgelage geschlagene vier Wochen gelaufen sein. Zwischendurch hat er geschlafen oder sonstwie faul die Zeit verbracht.

Ein gutes Jahr lang war er wild von der Fotografie besessen und lichtete alles denkbare in schwarz-weiß ab und zog davon unglaublich große Hochglanzbilder, auf denen meistens auch unglaublich große Fussel zu sehen waren.

Eine Zeitlang malte er sogar - schuf einen ganzen Satz Bilder, die allesamt noch größer waren, als seine Fotos. An der Kunsthochschule wurde ihm mit seiner Kollektion "hoffnungslose Talentlosigkeit" bescheinigt - eine Tatsache, auf die er heute ziemlich stolz ist. Auch an der Uni erhielt er seinen Stempel - und das ist wohl die einzige Studien-Geschichte, die er immer wieder gerne erzählt: "Unter meine letzte Arbeit schrieb der Prof.: 'Ganz nett geschrieben, aber im Ansatz nicht wissenschaftlich genug!' " Das muß jedenfalls das Ende von Pops akademischer Laufbahn gewesen sein, und das war wohl auch besser so. Sonst hätten wir es heute wahrscheinlich mit einem "Dr. Pop" zu tun, der höchstwahrscheinlich nicht seinen Namen für unsere sog. Sendung hergeben würde.

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Paul E. Pop und die Frauen
Festzuhalten ist zu diesem Thema ein Spruch von Paul E. Pop, den er mir - wieder einmal - in Athen anvertraute: "Über seine Frauen-Geschichten schreibt man nicht, spricht man nicht - man hat sie ganz einfach!" In seinem Drehbuch finden sich auch nur wenige diesbezügliche Eintragungen. In einer schwungvollen Frauenhandschrift kann man da lesen: "Dein Fehler ist: Du nimmst die Frauen, die dir wehgetan haben, viel zu oft in Schutz." Und eine andere Frauenhandschrift kritzelte darunter: "Liebe ist verzeihen, meine Liebe!" versehen mit einem fetten Ausrufezeichen.

Und auf der nächsten Seite liest man in der versonnenen Handschrift von Paul E. Pop: "Womit füllen sie ihren Kopf, wenn zu wenig drin ist? Mit Henna etwa? Nein, blonde Haare machen auch keinen Sommer im Herzen. Man braucht mehr, als Urlaub allein, man braucht nicht allein zu sein. Denn Alleinsein bedeutet, allein zu sein." Und gleich dahinter steht: "Wie wahr!"

In seinen Kolumnen beim Stadtmagazin zitty fand sich zu diesem Thema noch folgender Text:

"Jetzt, da sie schon einmal angefangen haben, diesen Beitrag zu lesen, muß ich sie gleich eingangs enttäuschen. Obwohl mir kürzlich eine Leserin aus Britz schrieb, daß sich hinter meinem Namen nur ein Chauvi verstecken könnte, geht es hier um mehr - ich würde sogar sagen: Es geht um viel mehr! Allein, verraten und verkauft saß ich in meiner Zwei-Zimmer-Wohnung, mit einer Karte für Mike Oldfield, die ich absolut nicht zu benutzen gedachte. Obwohl ich jedem, den ich auch nur halbwegs kannte, die Karte umsonst und ohne kleingedruckte Hinterhalte schenken wollte, fand sich niemand, der ernstlich an Oldfield und seiner Bande interessiert war. Mein Freund Stefan brachte mich auf die unselige Idee, einfach schnell rumzufahren, zur Konzerthalle und dort als edler Ritter die Karte einem armen Schlucker zu überreichen.

Ein wenig schüchtern aber pfadfinderhaft beseelt, baute ich mich also vor dem Eingang auf und wartete auf einzelne Kartenhungrige, aber es ist offenbar wieder modern, sich paarweise zu bewegen.

Die ersten potentiellen Einzelbesucher, die ich ansprach waren bereits mit einem Ticket versorgt. Der nächste war mir gelinde gesagt so unsympathisch, daß ich auf den Versuch verzichtete. Nach einigem Suchen identifizierte ich eine offenbar mittellose, einsame junge Frau, die sehnsüchtig zu Kasse blickte. Ich taperte also hinüber und begann mein Sprüchlein, um endlich diese verdammte Karte loszuwerden. Die Frau mustert mich von oben bis unten mit einem frostigen Blick und poltert dann in rapider Lautstärke los: Das ist ja wohl die mieseste Art der anmache, die ich je gehört habe. Für wen hältst du mich eigentlich?" Und dann verwies sie freundlichst auf ihren Freund, der irgendwo in der Kassenschlange stand und es "gar nicht gern sieht, wenn mich irgendwelche Typen hier anmachen!"

Ich drückte mich schleunigst vom Hof und beschloß die Karte kurzerhand zu verlieren - aber selbst dieser Abgang war mir nicht vergönnt. Ein freundlicher Mitbesucher bückte sich freundschaftlich und gab mir die Karte wieder. "Paß auf, daß sie nicht nochmal runterfällt," kommentierte er seine gute Tat. Ich habe die Karte immer noch!"

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Auf diesem Foto, das uns großzügigerweise von Pauls Mutter überlassen wurde, sieht man Paul (2. v.lks) Anfang der 60er Jahre zusammen mit seinem Onkel Carli (lks), seiner Mutter, seiner Cousine Clarissa sowie Ernst Hornbreich (rechts, dem ersten Mann seiner Tante Margarethe)

Paul E. Pop und die Fotos
Irgendwann in der Karibik hatte Paul schwer darüber nachgedacht, sich vielleicht doch einen Fotoapparat zuzulegen, aber diesen Gedanken verwarf er eiligst wieder. Paul und die Kameras: Das ist so ein Thema für sich. Es begann - soweit ich mich erinnern kann - schon zu Schüler-Zeiten, als er von einem Tag auf den anderen beschloß, sich nicht mehr fotografieren zu lassen. Ich glaube, er wollte sich damit interessant machen - was ihm auch gelang. Auf jeder Fete, selbst auf Klassenfahrten drückte er sich davor, geknipst zu werden, hielt sich notfalls eine Zeitung, einen Teller oder einen Hut vor den Kopf. Und bevor er damals das erste mal Richtung Sahara entflog, plünderte er sogar noch das Fotoalbum seiner Mutter - so daß auch nur ein einziges Bild erhalten blieb, das nebenstehend abgebildet ist.

Seine eigene Kolumne - bei uns in der Stadtzeitung - schmückte nicht etwa ein Bild von Paul E. Pop, sondern das Foto eines mindestens 58jährigen Tuba-Spielers. Darunter konnte man - etwa im Dezember 1983 - folgendes lesen:

"Also diesmal kann ich wirklich nichts für euch schreiben. Ich muß nämlich sofort los, um meinen alten Kumpel Jörgi zu trösten. Er rief mich gerade mit tränenverstopfter Stimme an, weil er gestern musikalisch herausgeworfen wurde. Im "Kongo-Club" war große Session mit afrikanischen Musikern, und da hat Jörgi seine Gitarre in den Koffer geworfen und ist hingegangen. Er fährt seit einiger Zeit höllisch auf afrikanische Musik ab. "Das sind die Wurzeln der Musik", hatte er schon mal gesagt. "In Afrika hat man die frühesten Spuren der Kultur gefunden, lange vor den Ägyptern oder den Griechen. Dadurch hat die afrikanische Musik die Möglichkeit gekriegt, sich viele Jahrhunderte länger zu entwickeln. Das hört man ja auch an den Rhythmen - da kannste das, was wir in Europa haben vergessen." Jörgi kann immer sehr überzeugend dozieren.

Kurzum: Jörgi stieg bei seiner langjährigen Band aus und suchte die "Afrikanische Connection". Er kaufte sich ein paar Trommeln, um - wie er sagte - "die Rhythmik zu studieren" und belegte heimlich einen Kurs an der Volkshochschule. Und dann hatte er von den monatlichen Sessions im "Kongo-Klub" gehört, wo sich die Schwarzen und farbigen Musiker der Stadt treffen. Naja- und gestern ist er hingegangen, hat seinen kleinen Verstärker angeschlossen und einfach mitgespielt - "total spontan!"

Nach ein paar Minuten hörten die afrikanischen Kollegen auf zu spielen und fingen dann an, Jörgi irgendwie anzustarren - "das hat mich echt ein bißchen fertiggemacht", meinte er am Telefon. Sie haben ihm dann noch ein oder zweimal eine Chance gegeben, aber ich fürchte, Jörgi hat's gründlich verpatzt. Zum Schluß jedenfalls haben sie ihn zum Bier eingeladen - er könnte doch ruhig ein bißchen zuhören. Aber Mitspielen sollte er doch bitte nicht mehr!

Und Jörgi hat dann traurig seinen Verstärker genommen und ist durch diese unheimlich deprimierenden Herbststraßen nach Hause gelaufen und saß dann so seit gestern vor dem Fenster und starrte in die Gegend - bis er mich vorhin angerufen hat. Also: ich muß jetzt wirklich los!

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Was trägt der Punk im Sommer?
In einer seiner Kolumnen im Sommer 1983 nahm sich Paul E. Pop eines Themas an, das (selbstverständlich) auch heute noch aktuell ist - besonders für diejenigen, deren Gruppenzugehörigkeit im der entsprechenden Fußbekleidung ausgedrückt werden muß:

"Im Grunde habe ich besseres zu tun, als bei Affenhitze weitschweifige und feinsinnige Sätze zu formulieren, die nachher doch wieder schlecht honoriert werden, aber Vertrag ist Vertrag. Meine Themenvorschläge ("Sensationell: Nüchterner Besucher bei Rock-Festival aufgegriffen" und "Was trägt der Punk im Sommer") wurden von der Redaktion abgelehnt. Statt dessen soll ich was über die Übungsraummisere in der Stadt zu Papier bringen.

Alsdann: Die Statistik besagt, daß auf jede fünfte Rockband ein halber Übungsraum entfällt. Beläßt man es bei diesem Zustand, so werden die Bands demnächst ohne jegliche Proben auf die Bühne gehen. Das wäre eigentlich nicht weiter schlimm, denn das was einige (auch erfolgreiche) Bands auf die Bühne bringen, klingt ohnehin so, als hätten sie den Übungsraum bestenfalls als Abstellkammer benutzt. Dann gibt es wiederum Bands, die sollten das ganze Üben sein lassen, weil trotz aller Anstrengung nie etwas Hörenswertes dabei herauskommen wird. Die dritte Kategorie hat Übungsräume zur Verfügung, in denen man wegen mangelnder Belüftung und stehender Hitze in den Sommermonaten einfach umkommt. Besonders hart betroffen sind die Punkbands, die im Sommer schweißtreibend mit Lederjacke und schweren Springerstiefeln zwischen dröhnenden Verstärkern stehen müssen.

Ein Punk ohne die zünftige Kluft ist schließlich kein richtiger Punk - und so muß ihm bei tropischen Temperaturen das wasser geradezu zwangsläufig aus den Stiefeln quellen, während er geringschätzig aber eben doch neidisch dem lederbelatschten Fuß jedes geschmähten Hippies hinterherschauen muß.

Aber "Indianer kennen keinen Schmerz!" - und so wird man auch weiterhin voller Häme oder Mitleid die armen punkigen Kids bei 30 Grad im Schatten unter schwerem Leder über die Straßen einherwandeln sehen - immer kurz davor bei der nächsten Anstrengung wie eine Brauseflasche zu explodieren. Damit sind wir dann auch schon beim Thema "Was trägt der Punk im Sommer". Und deshalb ...(Text wurde von der Redaktion gekürzt) ...müssen wir ihnen dankbar sein.

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Paul E. Pop und die Heimat
Kurz bevor er dieses Land verlies, schrieb Paul - unter dem Titel "Ein Deutsches Tagebuch" eine Kolumne, die vielleicht seine Beweggründe erklärt, sich in einen heimatlosen Globetrotter zu verwandeln:

"Ich faß es nicht: Die haben hier vollautomatische Wasserhähne!" ruft sie mir entgegen und lenkt damit meine Aufmerksamkeit von der Kieferntapete, die das Innere des nebenan geparkten Campingbusses verschönern soll. "Mit Fußbedienung?" frage ich sie. "Nein! Mit irgendeiner elektronischen Schranke. Du brauchst nur die Hände unter den Hahn zu halten, und schon fließt das Wasser." Todschick diese Raststätte!

Mein Kopf sucht nach einem spitzfindigen Kommentar, aber sie ist schneller: "Damit die Pistenhengste ihre Finger schonen können - eine Erholung nach der Dauerlichthuperei zwischen Kassel und München!"

Da hängst du schweißtriefend mit deinem Kleinwagen in der Überholspur, um einen nicht enden wollenden Lastwagen rechts liegen zu lassen. Und hinter dir ist mit atemberaubender Geschwindigkeit einer dieser Benze, BMWs oder Mantas oder Porsches aufgelaufen, klebt an Deiner Stoßstange und blökt dich mit allen Signalanlagen seines Hengstes an. Und du trittst dein Gaspedal bis an den Anschlag, jagst den kleinen Tachometer auf 150 und entkommst dem Jäger im letzten Moment durch den rettenden Schlenker. Seine Hupe verheult im Vorbeifahren, gerade noch langsam genug, damit du seinen ungeheuer beliebten Aufkleber lesen kannst: "Lieber 200 mit Köpfchen, als beschränkt mit hundert."

Unser Rasthof bietet noch bessere Sticker für erklärungshungrige Autofahrer. Wir verlassen ihn trotzdem und bewundern im Vorbeifahren den 1000jährigen kleinen Ort aus dem Reiseführer, der - malerisch in einem Tal gelegen - durch zwei gediegene Brücken mit sich selbst verbunden ist. Die Kirche links, der Friedhof rechts.

Freitag: Erst nach langem Suchen haben wir gestern Nacht eine geeignete Unterkunft gefunden. Offenbar sind gerade jetzt alle Fußballmannschaften, Staubsaugervertreter-Konferenz-Teilnehmer und Teilnehmer heimatkundlicher Überlandfahrten unterwegs. So haben wir schließlich unseren Meldebogen zähneknirschend im "Jägerhof" ausgefüllt, obwohl uns schon die schaumgedämpften Rauchglastüren irritierten, die so gar nicht zu dem alten Fachwerkhaus mit seinen rötlichen Feldsteingesimsen passen wollten. "Frühstücksbuffet zwischen sieben und zehn" gab uns eine kitschig überschminkte, wichtig aussehende Angestellte auf den Weg nach oben. Frühstücksbüffet - zwischen Hydrokultur und Hirschgeweih, zwischen sauber abgezirkelten Butter- und Marmeladepäckchen, zwischen der lauschigen Berieselung irgendeiner Frohsinnswelle.

Der "Jägerhof" hat einen Fahrstuhl, graue, schallschluckende Teppiche bis an die Wände, eine gediegene Atmosphäre aus eichenartig gepreßten Kunststoffpanelen und Plastikgebälk an der Decke. Telefon auf allen Zimmer - die Einheit landesüblich auf 50 Pfennig gesetzt. "Aus Tradition den Freunden behaglicher Gastlichkeit und gutem Essen gewidmet," steht auf dem Büttenpapier, das im Zimmer unter dem Foto eines alten Bauernhofes wartet. Es dauert eine Weile, bis ich entdecke, daß die Aufnahme den Jägerhof persönlich zeigt - vor ein paar Jahrzehnten. und es dauert noch länger, bis ich den Satz mit der "Tradition" entschlüsselt habe und zu dem Schluß gelange, daß seine ganze Konstruktion nicht hinhaut. Ich vermerke einige Anmerkungen zur deutschen Sprache auf dem obigen Büttenpapier und gehe in der Gewißheit zu Bett, daß die Handtücher täglich gewechselt werden.

Sonnabend: Guck: Hier habe ich dreizehn Jahre gelebt," erzählt sie mir. "Die Bundesstraße ist noch ziemlich neu. Da haben meine Eltern einen Teil von ihrem Garten abgeben müssen. Die Ampel da drüben war früher noch nicht da, aber ich glaub' das hat was mit der neuen Ortsumgehungs-Straße zu tun. Und da hinten, im Gewerbegebiet - war früher ein Teich - da sind wir im Winter immer zum Schlittschuhlaufen hingegangen."

Aber die Altstadt war wunderbar hergerichtet: Eine Fußgängerzone auf bunten Steinplatten, mit kleinen Pflanzungen in formschönen Waschbeton-Kübeln; vor der Renaissance-Kirche ein großes Schachspiel mit angebrochenen Plastiktürmen und fehlenden Bauern - in jeder Hinsicht!

Unter dem Marktplatz eine Tiefgarage. Die Boutiquen modernistisch bis grell, die Cafés mit roten Stühlen und festgeklemmten Kunststoffdeckchen. Alles sauber und aufgeräumt. Weiter draußen die dazugehörigen Doppelhäuser, Reihenhäuser, Jägerzäune, Rosenhecken, Geranienbalkone, Eternitplatten, Gragenauffahrten und Schnörkelgeländer - picobello, wie aus dem Kinder-Überraschungs-Ei gepellt, jeder Ort die gleiche Lego-Anlage.

Das Einkaufszentrum hätten wir uns aber besser sparen sollen: Schon außerhalb der Ortsgrenzen, in einer sich immer weiter lichtenden Kiefernholzung, steht das Monster - größer und schmucker als die Titanic, Glas und Metall und bunte Hinweisschilder, die zum "Möbelzentrum", zum "Reifencenter", zur "Ruhezone", zum "Kindergarten" und zum "Grill-Häusle" weisen. Alles da und ein Andrang, in dem wir schon auf dem Weg von unserer Parknische 1419 zum Mega-Markt fast zweimal von einem verspoilerten Etwas überfahren wurden. Zurück im Dorf noch eine Überraschung: Das griechische Restaurant im alten Rathaus führt auch Semmelknödel, die für uns dann doch nicht die passende Beilage zum Tsatsiki waren.

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Paul E. Pop und die Musik
Paul E. Pops Band NAASTI absolvierte 1980 acht oder neun Auftritte, gewann bei einem Nachwuchswettbewerb die Produktion von 2000 Singles, und löste sich nach einem knappen, aber erfolglosen Jahr wieder auf.

"Tach!" steht da auf einer Postkarte, die an Paul E. Pop adressiert ist, und die ich in einer mittelmäßigen Mappe gefunden habe, die ebenfalls in der großen Plastiktüte mit Pops Vergangenheit steckte. "Da wir kein Interesse daran haben, diese Musik zu fördern, schicken wir die fünf Singles von Eurer Band in den nächsten Tagen zurück. Tut mir leid, aber wir sehen nicht, wie wir diese Platte verkaufen können." Und in der gleichen Mappe findet sich denn auch, was die Lokalpresse über Paul E. Pops musikalische Versuche geschrieben hat. "Ohne Zweifel," schreibt der Tip, "verfügt die Gruppe über eine eminente stilistische Breite, was sie zumeist auch in ihren Sound integrieren können, doch hapert's noch etwas bei den interessanten Ideen. Vor allem jedoch bleibt unverständlich, warum sich eine hoffnungsvolle Band einen Sänger hält, der nicht einmal die Stimme besitzt um neuartige Bratpfannen vor einem Kaufhaus abzusetzen. Schlimmer noch: Wenn Paul E. Pop selbst in die Gitarrensaiten greift, dann weiß man, daß es Zeit wird, zu gehen." Die taz charakterisiert einen Auftritt der Band folgendermaßen: "Es mag ja noch ganz witzig sein, wenn der freundliche Schlagzeuger sich bei seinen gewichtigen Ansagen auf Schritt und Tritt verhaspelt, wenn der Gitarrist bei einem Solo über den Bühnenrand fällt, wenn der offenbar sturzbesoffene Bassist Platten ins Publikum wirft und der Keyboardsspieler achselzuckend dabeisteht, als würde ihn der ganze Lärm nicht das geringste angeht. Aber als dann Paul E. Pop - der selbsterkorene Sänger - bei seinem einzigen weitschweifig angekündigten Gitarrensolo vergaß, das Instrument in den Verstärker zu stöpseln, da wurde die Show am unteren Ende der Berliner Musikszene unerträglich peinlich."

Und schließlich die Berliner Morgenpost: "Sicherlich hat auch diese Truppe einige gute Ideen, und in den stilleren Passagen schimmerten manchmal sogar brillante kleine Melodien durch. Aber es scheint nichts und niemand zu geben, der in der Lage ist, diese tobende Band zusammenzuhalten - schon gar nicht der Sänger, der in einem Wechselzustand von sichtbarer Verwirrung und erfolgloser Konzentration etwas deplaziert wirkte."

In seinen Zeitschriften-Kolumnen widmete sich Paul E. Pop dennoch des öfteren der Berliner Musikszene. 1983 zum Beispiel schrieb er:

"Treff ich doch neulich meinen alten Kumpel Matthias - der spielt bei einer dieser Spitzenformationen und hat deshalb die Kohle, sich die jeweils neuesten Instrumente zu kaufen. Jetzt hat er so ein neues Gerät, wieder so ein Abfallprodukt der Weltraumforschung: Einen digitalen, subtrahiven Spektralsynthesizer zur Erzeugung von Flötentönen und anderen ulkigen Geräuschen. Und wirklich: Als er mir das kostbare Teil vorführte, wollte ich meinen Ohren nicht trauen: Es kam original wie eine Blockflöte aus den Lautsprechern - nur lauter. "Kein Wunder", hat Matthias gesagt. "Das Ding hat mich runde vier Mille gekostet." Und es macht noch mehr: Da kann man klassische Querflöten, peruanische Andenflöten, Panflöten, Bambusflöten, irische Pennywhistles und sogar eine balinesische Pfeifenorgel erklingen lassen. Aber nichts ist so überzeugend, wie die täuschend echte Blockflöten-Imitation. Aber ich bin ja ein ewiger Nörgler und hab Matthias tatsächlich gefragt, warum man viertausend Mark für so einen Blechkasten auf den Tisch legen muß, wenn man eine Blockflöte der echten Spitzenklasse schon für schlappe fünfzig D-Emm kriegt.

"So darfst du das überhaupt nicht sehen," klärte Matthias mich auf. "Wir sind schließlich in den Achtziger Jahren und diese echten Flöten sind doch was für Althippies und dröge Jazzrocker." Und dann hat er mir mit einem anderen Gerät den Gitarrensound vorgeführt, an dem er zwei Monate programmiert hat. Eine andere Einstellung klang wie eine Hammondorgel, und schließlich präsentierte ein überirdisches Schlagzeug, das aus einem Kasten kam, der glatte Zehntausend wert war und besser klang als jedes Drumkit für 3000.

Ehrlich: Wenn die Amis nicht ab und zu ein paar Astronauten nach oben schicken würden - wie arm wäre dann die heutige Musik dran. "Das wäre der Weg zurück in die Steinzeit," orakelte Matthias. Ich muß zugeben: Unter diesem Aspekt hab ich die Sache noch nie betrachtet."

Unter dem Motto Werbekampagne schrieb Paul E. Pop Ende 1984 eine bemerkenswerte Kolumne, in der er beweist, daß er ebensogut erfolgreicher Manager einer Rockband sein könnte.

"Nächstes Jahr wird alles besser," trösten sich die Subitos, denen auch das Orwell-Jahr ihre Träume von Reichtum und Ruhm nicht erfüllen wollte. Statt dem schnellen Erfolg auf dem Pop-Markt entgegenzustreben, hatten sie sich in ihren Keller zurückgezogen und so lange geübt, bis anderthalb Stunden lupenreinen Konzertprogramms zusammenhatten. Völliger Blödsinn, sag ich! Aber ich habe ihnen schließlich ein paar Tips gegeben und nun probieren sie's auf die professionelle Methode: Der Zuwendungsantrag beim Kultursenator ist schon eingereicht; davon sollen zweitausend T-Shirts mit einer großen, grünen Aufschrift gedruckt werden: "Subitos sagen: Vollmond! Kopf in den Sand!" Von dem Erlös werden dann weitere T-Shirts gedruckt, dann mit dem Slogan: "Die Subitos: Leben gefährdet ihre Gesundheit!"

Zur gleichen Zeit wird Gitarrist Karl in verfänglichen Positionen in einem Puff fotografiert. Die Fotos gehen an die Presse, mit der Mitteilung, daß ein prominenter Politiker diesen Ausflugs ins Bordell ermöglicht hat.

Das zieht! Jede Zeitung wird sich um die Bilder reißen. Kurz darauf pushen wir einen Videofilm der Subitos in "Formel Eins" - zur Not auch in einen schmierigen Privatkanal, und dann läuft da ein affenschneller schwarz-weiß-Film, in dem sich die Doppelgänger prominenter Politiker wie die Schweine aufführen. Die Parteien protestieren bei den Sendern, die sich prompt und höflich entschuldigen. Aber da keine Musik zu dem Videoclip lief, gibt es auch keinen Song, der jetzt verboten werden könnte.

Dann nach können die Subitos erstmal ein paar Wochen Urlaub machen.

Nächste Station: In einer Presseerklärung wird über alle wichtigen Fernschreibanschlüsse folgende Meldung verbreitet: "Die bekannte Band Los Subitos lehnte es nach kurzer Verhandlung ab, für eine angebotene Gage von 600.000 Mark auf der Geburtstagsfeier des Bundeskanzlers zu spielen." Punkt, Ende! Diese Meldung wird für soviel Verwirrung sorgen, daß es den Subitos tatsächlich gelingt, sich auf nämlicher Geburtstagsparty einzuschleusen. Sie spielen zwar nicht, werden dafür aber die Gattinnen mehrerer Politiker lautstark in obszöne Gespräche verwickeln. Das gibt soviel Peinlichkeiten, daß sie am nächsten Tag wieder samt Foto in mehreren Zeitungen erwähnt werden.

Drei Wochen später: Die Subitos fahren in die DDR, lassen sich nackt vor der Mauer fotografieren, werden vom Stasi festgenommen, verwarnt und abgeschoben. Neue Fotos machen die Runde.

Drei Wochen später: Die Subitos lassen ein neues T-Shirt drucken, mit der Aufschrift: "Schießt die blöden Subitos zum Mond!". Es verkauft sich tausend- und abertausendfach. Vier Wochen später: Die erste Single erscheint, eingespielt von irgendwelchen New Yorker Studiomusikern, produziert von Erich Stock, Gordon Aitken - einem Buchhalter aus Irland - und dem Roadmanager Klaus Wassermann. Die Subitos starten eine Anzeigenkampagne: "Diese Platte sollten sie besser nicht hören!"

Vier Wochen später: Zur Verleihung ihrer ersten goldenen Schallplatte lassen sich die Subitos durch einen japanischen Roboter vertreten.

Einen Monat danach: Die Ereignisse überschlagen sich: In einer Fernsehtalkshow erklärt Ober-Subito Karl alle anderen Musiker für "stinkende Kröten". In einer späteren Pressekonferenz bekunden die Musiker ihr Interesse, den Eiffelturm zu kaufen, um ihn mittels einer patentierten Raketenausrüstung zum Mond zu schießen. Zwei Wochen später erklärt die Gruppe ihre Auflösung. Weitere zwei Wochen später beginnt eine Re-Union-Tournee durch alle Städte Mitteleuropas.

Paul E. Pop, der sich die Marketing-Strategie der Band ausgedacht hat, erhält ein lukratives Angebot aus Hollywood und dreht seinen ersten Film: "Die grünen Farbbänder aus der Bagger-Truhe". Vielen dank!"

Noch ein weiteres mal ging es um die Subitos:

Karl, der schlaksige Gitarrist der Subitos ist außer sich: "Der Typ ist echt zu dämlich. Er sieht ja gut aus, aber ansonsten ist er nur 'ne hohle Kokosnuß! Von wegen Rhythmus im Blut! Und singen kann er auch nicht!" Nein, bislang hatte ich nicht das Vergnügen, den neuen Sänger der Maga-Band der Neunziger kennenzulernen. Aber nach allem, was ich gehört habe, kommt er aus der Bronx und lebt seit drei Jahren in Berlin.

"Wenn er wenigstens anrufen würde, wenn er nicht zur Probe kommt," wettert Karl weiter. "Aber nein: selbst dazu isser zu tranig. Und dann triffste ihn zwei Stunden später im "Café Chaos", wo der Typ seinen Arsch in der Lederhose spazierenführt. Und wennde ihn dann fragst, was Sache ist, dann grinst er dich mit diesem blöde-freundlichen Bimbo-Lächeln an..."

Moment mal. Bislang war mir nicht klar, daß der neue Sänger der Subitos ein Schwarzer ist. Schlagartig wird mir bewußt, daß Karls Nörgelei der pure Rassismus sein muß. Betroffenheit macht sich breit. Und Karl merkt's nicht: "Komplett überflüssig," tönt er. "Die einzigen, denen er fehlen würde, sind seine schwulen Freunde. Bei den Subitos ist jedenfalls kein Platz für ihn!"

Karl hat ein Machtwort gesprochen. Stille breitet sich aus. Sylvia - Karls derzeitige Freundin, guckt über den Rand der Zeitung, in der sie eben so getan hat, als würde sie lesen. "Gib's doch zu," sagt sie mit einem himmlischen Augenaufschlag: "Du bist jetzt absolut happy, ein Ventil zu haben, wo du deinen latenten Haß gegen Schwule und Ausländer rauslassen kannst."

Karl schnappt nach Luft und geistert dann wie eine Windmühle mit den Armen: "Bist du bescheuert?" heult er. "Der Junge ist einfach kein Sänger und er ist stinkend faul. Es ist mir doch völlig egal, ob er nun schwarz oder weiß oder blau ist. Er paßt einfach nicht in diese Band!"

Und dann gibt er noch einen drauf: "Was hast du denn letztens über den Türken nebenan gesagt? 'Kümmeltürke' hast du gesagt. Du bist es doch, der über die Ausländer herzieht und dann scheinheilig alternativ wählt!"

Sylvia wird erst weiß und dann rot: "Da geht's doch um was ganz anderes," stöhnt sie. "Du mußt doch mal überlegen, was wir Europäer mit den Schwarzen gemacht haben. Wir haben sie verschleppt, versklavt, ihnen unsere Religion aufgedrängt, sie ausgebeutet..."

Karl kontert: "Ach was! Und jetzt meinst du, darf er mir das heimzahlen. Mach dir doch nix vor: Du bist doch selbst nur scharf auf ihn, deshalb willst du, daß er in der Band bleibt. Du willst dir als weiße Frau gern so ein schwarzes Lustobjekt zulegen. Und ich tu nix weiter, als ihm seine Freiheit zu erhalten. Seine Freiheit vor dir und unserer Band."

Sylvia ist den Tränen nahe, und Karl hängt sich wütend seine Klampfe um und dreht den Verstärker auf. Mir ist immer noch nicht so ganz klar, wer jetzt eigentlich der Rassist war."

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Paul E. Pop und das Radio
Er mochte das Radio schon lange nicht mehr, hielt Moderatoren und Discjockeys für "Idioten" - und es war ein mittleres Wunder, daß unsere lockere Freundschaft hielt, obwohl ich meine dicksten Brötchen bei einem Rundfunk-Sender verdiente. Da schrieb er:

"How Do you like the ...er...Kangaroos?" fragt der Rundfunkmoderator seine verwirrten Gäste im Studio. Und richtig: Was lag näher, als die australische Band nach der hüpfenden Biomasse ihres Kontinents zu befragen. Aber die spielen nicht mit, denn auf ihre Weise ist ihr Horizont auch nicht weiter, als der des Moderators. Letzterer weiß nichts über die Band und die läßt es sich nicht nehmen, von den Känguruhs ohne Umwege auf ihre Musik zu kommen - ihr Lieblingsthema, in dem sie schließlich erklären, daß ihre neueste Platte die absolut beste ihrer Karriere sei. Und weil sie daß schon bei den vorangegangen fünf Platten behauptet haben - wodurch folglich die erste unsagbar schlecht gewesen sein muß, läßt sich der Moderator auch nicht mit einigen klassischen Fragen lumpen.

"What are your musical influences?" will er wissen. Na prima! Das kann man jeden fragen, da kommt wenigstens nicht heraus, daß man die Musik der Gruppe überhaupt nicht kennt. Standard-Frage Nummer Zwei zieht nach: "Wie seid ihr denn so dazu gekommen, Musik zu machen?" Und gleich hintendran: "Und wie kam es dann zu eurer ersten Platte?"

Frage vier: "Und wie soll es jetzt weitergehen? Plant ihr etwa eine Tournee?" Und wenn damit der vorgeschriebene Raum immer noch nicht gefüllt ist, dann kann man's ja mit dem kritischen "Wie schätzt ihr denn so die heutige Musikszene ein?" versuchen.

Sollte sich unter den geschätzten Bandmitgliedern dann gar ein Brillenträger befinden, dann hat man vielleicht einen Intellektuellen vor sich, den man auch mal nach tagespolitischen Ereignissen befragen darf - oder wahlweise zur Umweltproblematik oder zur Entwicklung in der Sowjetunion. Ansonsten kann man noch ein verzweifeltes "Was haltet ihr denn von Michael Jackson?" auf den Tisch knallen.

Italienische Gruppen werden über Spaghetti und Cianti ausgehorcht, von Engländern darf man erfahren, was sie von deutschem Bier halten. Österreicher dürfen ruhig etwas über Skifahren und luftige Bergeshöhen von sich geben, Erfolgreiche fragt man, wo sie sich ihre goldenen Schallplatten hinhängen und Australier werden geflissentlich über ihre Känguruh-Sichtungen interviewt. So einfach ist Showbusiness."

Zum Anfang
Ein anderes mal schrieb Paul E. Pop:

"Fuck off and drop dead!" brüllte ein britischer Musikkritiker dem Meisterdieb MALCOLM McLAREN entgegen, als es darum ging, die neue Single des verrückten Duck-Rockers zu rezensieren. Gestört hatte die rüde Aufforderung zum musikalischen oder gar körperlichen Selbstmord offensichtlich keinen der Leser des renommierten Musikblattes. Die Engländer sind derlei Dreistigkeiten gewöhnt. "I don't give a fuck what John Peel says," kommentierte kürzlich ein Kollege die Platte einer jungen Band, deren Qualitäten vom D-J-Guru der westlichen Welt mit den Worten belegt wurde: "Wenn diese Platte nicht gut wäre, dann würde ich sie nicht spielen."

Die junge Truppe war außer sich: "Weißt du denn nicht, wer John Peel ist?" fragte sie ihren Kritiker mit entsetzt aufgerissenen Augen. Doch er wußte - aber er gab trotzdem einen Dreck drauf. Pfui Teufel! Wer John Peel nicht respektiert, der disqualifiziert sich - aber gehörig!

Den größten Korken schoß jedoch mein Kollege Joachim Deicke ab, als er eine nichtssagende LP in unserem Blatt mit den Worten beschrieb: "Auch diese Platte ist rund und hat ein Loch in der Mitte!" So kann man doch mit einer Vinylscheibe nicht umgehen, meinte ein Leser und beantragte den frevelnden Schreiber künftig von den Plattenseiten fernzuhalten, um ihn künftig bestenfalls als Rezensenten von Eisdielen einzusetzen.

Gut gebrüllt, Leser! Rockmusik ist schließlich eine ernste Angelegenheit, und wer da glaubt, er könne sich auf Kosten der Stars ein Witzchen erlauben, der gehört in die Wüste geschickt - aber postwendend.

Man man ja über den Kanzler blödeln, den Vogel in die Pfanne hauen, Reagan zur Schießbudenfigur machen, Tschernenko als alternden Zombie abtun oder selbst einmal die gesamte grüne Partei dem Spott preisgeben - aber bei den Masterminds der Musikbranche hört der Spaß auf!

Wer Frank Zappa als "alternde Fusselbirne mit Minderwertigkeitskomplexen" tituliert, wer Udo Lindenberg als blasierten Sprücheklopfer der Berufsjugend abkanzelt, wer Michael Jackson Mickey-Mouse-Ohren aufsetzt, um ihn ins ewige Disneyland zu verdammen, der gehört - ruckzuck - gelyncht. Von Rockjournalisten erwarten wir seriöse Ernsthaftigkeit - sonst nichts!

Und im Juni 1984 hieß es bei Paul:

"Wenn ich mich schon mal aufraffe, den wöchentlichen Abwasch zu erledigen, dann hasse ich es, wenn ich dabei gestört werde - denn je länger die Sache dauert, desto mehr senkt sich meine Arbeitsmoral gegen Null. Aber das Telefon klingelt - Karl, der unvergleichliche Gitarrist der Subitos, die noch immer auf ihre Glückssträhne warten, überrumpelt mich mit der - aggressiv wie von einem aufgescheuchten Kampfstier - gestellten Frage: "Sag mal - sind die Jungs vom Radio eigentlich blöd?"

Im ersten Moment war ich spontan versucht "ja" zu sagen, erinnerte mich dann aber daran, daß mein Redakteur für diese Kolumne selbst im Radio tätig ist, und beschloß zu schweigen. Karl plapperte: "Also hier hat gerade so'ne Braut übern Sender erzählt - also 'ne Moderatorin -,daß sie gerade in Ostberlin war, und dann läßt sie sich doch tatsächlich fünf Minuten darüber aus, daß die Leute da drüben in Wirklichkeit total normal sind, daß das Soft-Eis drüben richtig wie Soft-Eis schmeckt, daß die Frauen da auf ihre Frisuren achten und die Typen voll auf der Mode sind! Echt Alter - das hättest Du hören müssen! Wie ein Bericht aus'm Zoo - weil: Sie hatte wohl gedacht, daß die DDR so was wie eine mit dem Hammer aus dem Stein gemeißelte Versuchsanlage wär, wo sie seit zehn Jahren probieren, Hamburger nachzubauen! Echt! Ich faß es nicht! Und das im Radio!"

Ich versuche noch Karl zu beruhigen, aber er ist schon mittendrin: "Und dann quatscht sie immer auf die Platten rauf, und zwischendurch immer diese Jingles. Und jede Menge blöde Sprüche. Sag mal: Nach was für Kriterien wählen die beim Radio ihre Leute eigentlich aus - nach Blödheit?" So ging es weiter, und es gab absolut keine Möglichkeit Karl zu stoppen. Vom Radio kam er auf's Fernsehen. Und in meinem Kopf rotierte ein Spruch aus einem Science-Fiction-Roman, den ich gerade hinter mich gebracht hatte: "Heutzutage fühlt sich jeder zum Medienkritiker berufen!" Das Abwaschwasser war kalt und voller Fettaugen, als ich die Medien hinter mir hatte.

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